Fangen Sie nicht mit My Funny Valentine an. Nicht weil es kein gutes Stück wäre — es ist wunderschön. Sondern weil es das Erste ist, was alle kaufen, und weil das, was danach kommt, so viel reicher ist.

Warum der berühmteste Einstieg der falsche ist

Es gibt Stücke, die zu Kulissen geworden sind. My Funny Valentine ist so ein Stück. Sie hören es in Werbeclips für Uhren. Sie hören es in Restaurants, in denen der Wein zu teuer und das Essen zu mittelmäßig ist. Es läuft auf Chet-Baker-Compilations als Track eins, und auf Track zwei schalten die meisten ab, weil sie denken, sie haben jetzt verstanden, worum es geht.

Das ist ein Fehler. My Funny Valentine ist wie die Oper-Eröffnung in Zeit der Unschuld — es ist nicht falsch, aber es ist der langsamste Einstieg in einen der erstaunlichsten Kataloge des amerikanischen Jazz. Wer Baker wirklich hören will, muss am richtigen Ort beginnen. Das ist Track drei eines anderen Albums.

Chet Baker, geboren 1929 in Yale, Oklahoma, gestorben 1988 in Amsterdam — aus dem Hotelfenster gefallen unter nie vollständig geklärten Umständen — war in seiner besten Phase das, was Dave Gelly über ihn schrieb: James Dean, Sinatra und Bix Beiderbecke in einer Person. Diese Beschreibung ist nicht übertrieben. Sie ist präzise.

Wie man sich bei Chet Baker zurechtfindet: die kurze Orientierung

Baker hat eine unüberschaubare Diskografie. Er nahm in den 1950ern für Pacific Jazz, dann für Riverside auf. Er arbeitete mit Gerry Mulligan, mit Art Pepper, mit Stan Getz. Er verschwand in den 1960ern, kehrte in den 70ern zurück, arbeitete seine letzten zwölf Jahre fast ausschließlich in Europa — zum Teil in Deutschland, in Österreich, in den Niederlanden. Er nahm 1979 zehn Alben auf und 1980 noch einmal zehn. Die meisten davon brauchen Sie am Anfang nicht.

Was Sie brauchen, sind fünf Alben. In dieser Reihenfolge. Mit einer Flasche Sancerre und einem Plattenspieler, der das verdient.

1. Chet Baker Sings — Pacific Jazz, 1956 (erweiterte Fassung)

Das ist der erste Schritt. Aber nicht das erste Stück.

Das Original erschien 1954 mit acht Tracks. Pacific Jazz hat 1956 eine erweiterte Version mit vierzehn Tracks herausgebracht, die Aufnahmen aus dem Juli desselben Jahres enthält — diese Version ist die richtige. Sie hat mehr Gewicht, mehr Kontext, mehr Baker.

Richard Bock, der Produzent, war anfangs skeptisch. Er schrieb intern, Baker kämpfe mit der Intonation und brauche viele Takes. Das ist interessant zu wissen, weil man es nicht hört. Was man hört, ist eine Stimme, die für das Mikrofon gemacht wurde: schmal, leicht, androgyn in einem Sinn, der 1954 niemanden beruhigt haben dürfte. I Fall in Love Too Easily, There Will Never Be Another You, Time After Time — das sind keine Showstücke. Das sind Geständnisse.

Das Album wurde Bakers meistverkaufte Platte und erhielt 2001 eine Aufnahme in die Grammy Hall of Fame. Die brasilianischen Bossa-Nova-Musiker, João Gilberto zuerst, hörten diese Platte und erkannten darin eine Ästhetik der zurückgehaltenen Intensität, die sie zu ihrer eigenen machten.

My Funny Valentine steht auch hier. Track drei. Es ist tatsächlich wunderschön. Hören Sie es nach allem anderen.

2. It Could Happen to You — Riverside, 1958

Baker wechselte Ende der 1950er zu Riverside Records, und die Alben, die er dort aufnahm, gehören zu den am meisten unterschätzten seines Katalogs. It Could Happen to You ist das erste davon, das Sie kennen müssen.

Riverside war das Label von Bill Evans, von Thelonious Monk, von Cannonball Adderley. Es war kein Pop-Label — es war ein Label für ernsthafte Jazz-Musiker, die das Songbook neu bewerteten. Baker kam als Vokalist, aber er kam mit einem anderen Ansatz. Die Rhythmusgruppe ist direkter, der Ton kühler, die Arrangements weniger weich als bei Pacific Jazz.

Was dieses Album von Chet Baker Sings unterscheidet: die Reife. Baker war drei Jahre älter und hatte Europa und eine Reihe von Tiefen kennengelernt. Man hört das nicht als Bitterkeit — man hört es als Gewicht. Die Stimme hat etwas gewonnen.

It Could Happen to You erschien 1958 bei Riverside und ist bis heute eines der Alben, das unter Jazz-Sammlern konsistent als Einstieg in die reifere Phase seines Schaffens empfohlen wird.

3. Chet — Riverside, 1959

Das hier überrascht Menschen, die Baker nur als Vokalist kennen.

Chet ist ein rein instrumentales Album. Keine Stimme. Nur die Trompete — und was für eine Rhythmusgruppe dahinter. Bill Evans am Klavier. Herbie Mann an der Altflöte. Paul Chambers am Bass. Connie Kay und Philly Joe Jones an den Drums, je nach Session. Diese Rhythm Section arbeitete gleichzeitig mit Miles Davis. Sie kamen nicht, um Baker zu begleiten. Sie kamen, um Musik zu machen.

Das Ergebnis hat Pitchfork mit 8.0 von 10 bewertet. AllMusic gab vier von fünf Sternen mit dem Kommentar, das Album zeige Bakers Herangehensweise an die Trompete in einem Kontext, in dem er nichts zu beweisen hatte — keine Erwartungen an die Stimme, keine Kompromisse. Alone Together, If You Could See Me Now, September Song — diese Stücke klingen wie Gespräche, nicht wie Vorführungen.

Wenn jemand fragt, ob Baker nur ein hübsches Gesicht mit einer hübschen Stimme war: spielen Sie Chet. Das Gespräch ist beendet.

4. She Was Too Good to Me — CTI Records, 1974

Das ist das Album, das in keiner Einsteiger-Liste steht, und ich verstehe nicht warum.

Baker verschwand Ende der 1950er, zunächst durch Gefängnisaufenthalte in Europa, dann in eine lange Dunkelphase. 1974 nahm Creed Taylor ihn für CTI Records auf — das Label, das gerade Herbie Hancock und Freddie Hubbard aufnahm, das für einen geschliffenen, leicht jazzrock-nahen Sound bekannt war. Baker hätte dort deplatziert wirken können.

Er wirkt nicht deplatziert. Er wirkt wie ein Mann, der zurückgekehrt ist und weiß, was er hat.

Die Besetzung auf diesem Album ist bemerkenswert: Hubert Laws an der Flöte, Bob James am elektrischen Piano, Ron Carter am Bass, Steve Gadd und Jack DeJohnette an den Drums, Paul Desmond am Altsaxofon. Das ist keine Begleitband — das ist ein Ensemble von Meistern, die einen Meister begleiten.

Autumn Leaves in dieser Version klingt anders als alle anderen. Entspannter, großzügiger, mit einem Swinggefühl, das 1954 noch nicht vorhanden war. Baker war 44 und klang so, als wäre er gerade aufgewacht.

5. Chet Baker in Tokyo — King Records / Paddle Wheel, 1993 (aufgenommen 1987)

Das letzte Album auf dieser Liste ist das letzte Kapitel.

Baker spielte am 14. Juni 1987 im Hitomi Memorial Hall in Tokio, in der Showa Women's University. Elf Monate später war er tot. Das Konzert wurde zunächst auf zwei getrennte Alben aufgeteilt — Memories und Four — und 1993 als Doppelalbum veröffentlicht.

Die New York Times schrieb über diese Aufnahme: "It captures everything that people said Chet could do — play ballads with almost painful, poetic eloquence." AllMusic vergab vier von fünf Sternen und notierte, Baker sei "still in complete control of his musical faculties, playing not just beautifully and well, but with energy and even speed despite his deteriorating health."

Man kann über sein Leben urteilen. Über seine Abhängigkeiten, die Jahrzehnte der Selbstzerstörung, die Jahrzehnte, in denen er das Versprechen von 1954 nicht eingelöst hat. Das ist legitim. Aber wenn man hört, wie er in Tokio Stella by Starlight spielt, elf Monate vor dem Ende, dann versteht man, was Jazz bedeutet, wenn er auf höchstem Niveau funktioniert: Kontrolle ohne Anstrengung, Emotion ohne Sentimentalität, Schönheit ohne Kosten.

Seine Band in Tokio — Harold Danko am Piano, Hein Van Der Geyn am Bass, John Engels am Schlagzeug — war nicht der Miles-Davis-Kreis von 1959. Aber Baker brauchte das nicht mehr. Er wusste, was er hatte.

Was Sie nicht kaufen müssen (vorerst)

Es gibt Alben aus den späten 1970ern und frühen 1980ern, die Baker in verschiedenen europäischen Besetzungen zeigen. Einige sind gut. Viele sind ungleichmäßig. Lassen Sie sie bis später.

Das Gerry-Mulligan-Material aus den frühen 1950ern ist historisch wichtig — das Quartett ohne Klavier war eine Innovation, die den West-Coast-Jazz mitdefinierte — aber es ist Kontext, kein Einstieg.

Und die zahllosen Compilations, die mit My Funny Valentine beginnen: kaufen Sie sie nicht. Nicht weil das Stück schlecht wäre. Sondern weil Sie Baker verdienen, nicht seine Zusammenfassung.

Wo man Chet Baker auf Vinyl findet — für den deutschsprachigen Raum

Die Pacific-Jazz-Originalpressungen aus den 1950ern sind teuer geworden — für gut erhaltene Exemplare zahlt man auf Discogs 80 bis 150 Euro aufwärts. Die Riverside-Originale liegen ähnlich.

Für Einsteiger sind die Neuauflagen sinnvoller. Acoustic Sounds und Craft Recordings haben Chet Baker Sings in hochwertigen analogen Übertragungen neu aufgelegt. Mr. Vinyl in Berlin hat einen soliden Jazz-Bestand, ebenso die einschlägigen deutschen Mailorder-Händler wie JPC. Für Österreich ist das Porgy & Bess in Wien nicht nur ein Jazzclub (Riemergasse 11, 1010 Wien), sondern hat auch einen Plattenladen im Foyer — dort kennen die Menschen ihren Baker.

Das Domicil in Dortmund und das A-Trane in Berlin (Bleibtreustrasse 1, Charlottenburg, seit 1992) programmieren regelmäßig Konzerte im Geist des Cool Jazz. Wer Baker gehört hat und mehr will, geht dorthin.

Die richtige Reihenfolge — noch einmal, kurz

  1. Chet Baker Sings (Pacific Jazz, 1956, erweiterte Fassung) — ab Track drei
  2. It Could Happen to You (Riverside, 1958) — für die Reife
  3. Chet (Riverside, 1959) — für die Trompete ohne Stimme
  4. She Was Too Good to Me (CTI, 1974) — für den Neustart
  5. Chet Baker in Tokyo (aufgen. 1987, veröff. 1993) — für den Abschluss

Fünf Alben. Drei Jahrzehnte. Eine Stimme, eine Trompete, und das konsequente Weigern, laut zu werden, wenn Stille mehr sagt.

Ich habe Chet Baker Sings zum ersten Mal in Boston gehört, mit zweiundzwanzig, in einer Küche, die ich mir nicht hätte leisten können. Jemand legte die Platte auf, und nach Track drei war mir klar, dass es eine Kategorie von Musik gibt, die nicht Hintergrundmusik ist. Die in Ihnen etwas verschiebt, ohne zu erklären, was und warum.

Dreiunddreißig Jahre und ein Marantz-Plattenspieler später sitze ich in Greenwich und höre immer noch auf diese fünf Alben, wenn die Nacht lang wird.


Wenn Sie fragen haben — welches Album zuerst, welche Pressung, oder einfach darüber reden wollen, warum Alone Together auf Chet der beste Track ist und nicht September Song — wissen Sie, wo ich bin.

Kommen Sie auf einen Sancerre, Victoria