Ich laufe Camden nachts ab, seit ich sechzehn bin. Das hier ist kein Airbnb-Experiences-Guide. Das ist das, was tatsächlich passiert — für alle, die nicht mit den Amy-Winehouse-Selfie-Touristen verwechselt werden wollen.

Was Camden nach 23 Uhr wirklich ist

Die meisten kommen tagsüber, sehen die Marktstände, kaufen ein overpriced veganes Burrito im Stables Market, und denken, sie hätten Camden gesehen. Bollocks. Camden tagsüber ist ein Touristenort mit sehr guten Knochen. Camden nach Mitternacht ist das, wozu die ganzen Knochen eigentlich gehören.

Die Northern Line bringt dich bis Camden Town — dort stehst du in der Northern Line Junction, wo sich die Ast-Linien über Charing Cross und Bank aufteilen. Vier Stationen von St. Pancras. Wer mit dem Eurostar aus Brüssel kommt, ist von Brüssel-Midi in knapp zwei Stunden in London St. Pancras — und dann noch zwölf Minuten Tube bis Camden Town. Das ist nahezu obszön effizient für einen Nachtausflug.

Die Marktstände selbst schließen gegen 18 bis 19 Uhr. Was danach kommt, ist der Grund, weshalb Camden Town auf der Karte der Subkulturen überhaupt existiert. Schätzungsweise 15 Millionen Besucher kommen jährlich nach Camden — damit ist es nach dem Tower of London einer der meistbesuchten Orte in London. Was diese Zahl dir nicht sagt: ein erheblicher Teil dieser Besuche passiert nach Sonnenuntergang, und ein erheblicher Teil dieser Nachtbesucher kommt nicht für Andenken.

Das Devonshire Arms: Londons ältester Goth-Pub

Kentish Town Road 33, NW1 8NJ. Lokal nennen alle das nur "The Dev." Mock-Tudor-Fassade außen, drinnen riecht es nach altem Leder und Entscheidungen, die man morgen bereut. Das Devonshire Arms ist dokumentiert der älteste Goth-Pub Londons — seit den 80ern war es der erste Pub in Camden, der explizit Goth-Subkultur als Heimat definiert hat, und er ist der am längsten überlebende seiner Art in der ganzen Stadt.

2003 war die Einrichtung Kulisse für eine BBC-Dokumentation über Goth-Kultur. The Pogues tranken hier. Der Pub war Pub, bevor Camden Market Mainstream wurde, und er ist noch Pub geblieben, als Camden Market Instagram-Kulisse wurde. Das ist keine kleine Leistung.

Dresscode: keiner. Aber wenn du in einem Poloshirt reinkommst und dann fragst, warum dich alle anstarren — das ist dein Problem, nicht meins.

Die Atmosphäre ist entspannt aggressiv, was das Beste ist, was ein Pub sein kann. Freitagabends fuller, Montag bis Donnerstag ruhiger und ehrlicher. Geh unter der Woche, wenn du tatsächlich Leute kennenlernst statt gegen sie stehst.

Das Hawley Arms: Wo Amy Winehouse trank

Castlehaven Road 2, NW1 8QU. Das Hawley Arms ist 1851 gegründet worden, was bedeutet, es hat die Viktorianer überlebt, den Zweiten Weltkrieg, die 80er Jahre und einen Großbrand im Februar 2008, der über 100 Feuerwehrleute brauchte. Das Feuer begann durch einen Flüssiggasheizer hinter dem Pub und zerstörte erhebliche Teile des angrenzenden Camden Market. Das Pub öffnete am 31. Oktober 2008 wieder — Halloween, wie es sich gehört.

Amy Winehouse war Stammgast. Arctic Monkeys. Kaiser Chiefs. Razorlight. In den 2000ern war das Hawley Arms der Ort, wo Indie-Rock und Alternativ-Szene sich überschnitten, bevor Indie-Rock zum Mainstream wurde und beide Seiten aufgehört haben, miteinander zu reden.

Heute läuft das Pub unter den Inhabern Ruth Mottram und Doug Charles-Ridler, die es 2019 übernahmen, nachdem Greene King durch Gesetzesänderungen zum Verkauf gezwungen wurde. Es hat seinen Charakter behalten, was in Camden keine Selbstverständlichkeit ist. Wer Baby Reindeer auf Netflix gesehen hat: "The Heart" in der Serie ist das Hawley Arms. Fiktionalisiert, aber die Atmosphäre stimmt.

Ich sitze hier manchmal gegen 2 Uhr morgens mit einem Jung-Buch auf dem Schoß. Die Mischung aus Kropotkin und Carl Gustav Jung klingt absurder als sie ist, wenn man um diese Zeit genug Leute beobachtet hat. Das Pub erlaubt das, ohne einen komisch anzuschauen.

Electric Ballroom: Die Alt-Night, die funktioniert

Camden High Street 184, NW1 9QB. 1.500 Personen Kapazität. Zwei Tanzflächen. Vier Bars. Die Bühne im Erdgeschoss für Konzerte. Das Electric Ballroom existiert seit 1978 unter diesem Namen — davor war es ein irischer Ballsaal aus den 30ern.

Sin City freitagabends: Rock, Metal, Alternative auf zwei Floors. Das ist der Abend, wenn du Camden-Nachtleben willst ohne die kommerzielle Pop-Schicht. Samstags Shake, das sich eher in Richtung Pop und Hip-Hop bewegt — du kannst kommen, du wirst überrascht sein, aber es ist ein anderes Tier.

Einlass typischerweise ab 22 Uhr, Ende gegen 3 bis 4 Uhr morgens. Eintritt variiert je nach Abend und Vorverkauf — frühzeitig online checken lohnt sich. Camden Town Tube ist hundert Meter entfernt.

Was das Electric Ballroom von vergleichbaren Venues unterscheidet: Es hat keine Attitüde. Das SO36 in Berlin Kreuzberg hat eine bestimmte Türschwelle, die du spürst. Das Electric Ballroom ist Camden — gelebte Subkultur statt kuratierter Subkultur. Wer in Hamburg das Markthalle kennt oder schon mal beim Trauma Festival in Wendelstein war, wird sich in der Energie sofort orientieren, aber die Camden-Version hat mehr historische Schichten unter den Füßen.

KOKO: Für die, die Musik wollen, nicht nur Szene

Camden High Street 1A, NW1 7JE. Nahe Mornington Crescent Tube. 1.500 Kapazität, eröffnet ursprünglich 1900 als Camden Theatre. Wurde Music Machine (1977–1982), dann Camden Palace, dann 2004 zu KOKO. Nach einem Feuer im Januar 2020 nach aufwendiger Restaurierung im April 2022 mit Arcade Fire wiedereröffnet.

KOKO ist das, wo du Konzerte siehst, die in drei Jahren ausverkaufte Arenen spielen. Die Architektur allein — viktorianisches Theater, ornamentiert, rötlich beleuchtet — rechtfertigt den Besuch. Programm variiert: Indie, Alternative, Electronics. Abendpreise je nach Act. Vorab über kokolondon.com checken.

Unterschied zum Electric Ballroom: KOKO ist polierter, etwas teurer, besser für Konzerte. Electric Ballroom ist für Club-Nights, wenn du tanzend bis 3 Uhr morgens willst. Beide haben ihren Platz, je nachdem was du willst.

Die Amy Winehouse Statue: Nacht-Pflichtbesuch

Im Stables Market. Die Bronzestatue von Scott Eaton wurde 2023 aufgestellt — nach langen Debatten über den Standort (der ursprüngliche Plan sah das Roundhouse in Chalk Farm vor, dann entschied man sich für den Stables Market wegen der besseren öffentlichen Zugänglichkeit).

Tagsüber stehen ständig Leute davor. Nachts, nach Mitternacht, wenn die Touristen in ihren Hotels sind und nur noch Einheimische und bewusste Spätgänger durch die Stables laufen — da hat die Statue einen anderen Klang. Amy war Stammgast im Hawley Arms, zwei Minuten zu Fuß. Der Weg von der Statue zum Hawley Arms und zurück ist ein sinnvoller kleiner Kreis, wenn du die Nacht richtig machst.

Brick Lane Nachttour: Beigel Bake als Abschluss

Wenn Camden nach 2 Uhr die letzte Energie ausatmet, gibt es zwei Optionen: Heimfahren oder nach Brick Lane weitermachen.

Beigel Bake, 159 Brick Lane, E1 6SB — seit 1974, beschreibt sich selbst als Londons bekannteste 24/7-Bäckerei. Aktuellen Status vor dem Besuch checken (Instagram: @beigel_bake), da Öffnungszeiten gelegentlich variieren. Aber an einem normalen Freitagabend: Bagel mit Salt Beef oder Räucherlachs für unter zwei Pfund. Das ist die ehrlichste Mahlzeit, die London nach Mitternacht anbietet.

Brick Lane ist von Camden mit dem Night Bus N8 oder via Tube über Liverpool Street in ca. 35 Minuten erreichbar. Shoreditch fängt dort an, wo Brick Lane aufhört — wenn du Camden Alt-Night als Ausgangspunkt nimmst und Brick Lane als Endpunkt, hast du den richtigen Queerschnitt durch das nachts lebende London gezogen.

Für Anreisende aus Berlin, Hamburg, Brüssel

Der Vergleich drängt sich auf und er ist fair: Die Brüsseler Strasse in Berlin-Kreuzberg und die Gegend um das SO36 haben eine ähnliche Dichte an gelebter Subkultur. Der Unterschied ist Textur. Berlin hat Raum — alte Fabriken, hohe Decken, Industriecharme. Camden hat Schichten — jeder Ziegelstein ist hundertfünfzig Jahre alt und hat mindestens eine Subkultur beherbergt. Das SO36 öffnete 1978. Das Devonshire Arms war bereits Goth-Pub als das SO36 noch in Konzeptphase war.

Hamburg-Vergleich: Das Markthalle und die Szene rund um das Trauma Festival Wendelstein haben eine ernstgenommene Metal- und Alt-Komponente. Camden überschneidet sich dort, hat aber eine breitere Punk-Heritage — The Clash probten in dieser Gegend. The Pogues tranken im Dev. Wenn du Goth-Subkultur suchst, ist Camden dichter; wenn du reine Metal-Infrastruktur willst, hat Hamburg mehr reine Venues.

Eurostar-Anmerkung für die Belgier: Brüssel-Midi nach London St. Pancras in ca. zwei Stunden, dann vier Stationen Northern Line nach Camden Town. Gesamtstrecke unter drei Stunden. Es gibt keinen vernünftigen Grund, Brüssel zu verlassen und nicht kurz in Camden vorbeizuschauen, wenn man schon in der Richtung ist.

Was Camden nach 23 Uhr von Camden tagsüber unterscheidet

Die Marktstände sind zu. Die Touristen sind im Hotel. Was bleibt, ist die Gegend, die existiert hatte, bevor es eine Marktstrategie dafür gab.

Camden Town hatte in den 90ern als Indie-Musik-Hub Bedeutung — das Hawley Arms war Mittelpunkt dieser Energie. Die Goth-Szene war früher: das Dev seit den 80ern. Die Punk-Verbindungen noch älter — The Clash, frühe 70er, vier Straßen weiter.

Das nachts lebende Camden hat keinen Masterplan. Es ist das organische Überbleibsel von drei Jahrzehnten Subkultur, die sich in Pubs, Venues und Straßenecken festgesetzt hat, bevor irgendjemand auf die Idee kam, daraus ein Tourismusprodukt zu machen. Das macht es echt. Echt bedeutet: manchmal schäbig, manchmal sehr gut, immer ehrlicher als die Instagram-Version von tagsüber.

Ich laufe das hier seit fünf Jahren ab. Die türkisfarbenen Haare kennen den Weg ohne Karte. Wenn du nicht weißt, wo du anfangen sollst: Dev, dann Hawley Arms, dann Electric Ballroom. In dieser Reihenfolge. Danach weißt du, ob Camden dein Ding ist oder nicht.


Wenn du Fragen hast, was gerade aktuell läuft in der Szene, oder welche Nights sich lohnen — ich bin meistens auffindbar. Irgendwo zwischen einem Jung-Buch und einem Pint.

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