74 Tiere, drei Pods, sechs Hydrophone und eine Fähre, die immer dann auftaucht, wenn ich gerade die interessanteste Sequenz höre. Ich arbeite seit vier Jahren auf einem Forschungsschiff im Salish Sea und mache Orca-Gesang-Forschung — und ich werde erklären, wie das tatsächlich aussieht, nicht wie es auf Instagram aussieht.

Was ist die Orca-Gesang-Forschung im Salish Sea überhaupt?

Kurze Antwort: Es ist akustische Ökologie, angewandt auf eine vom Aussterben bedrohte Population. Die Southern Resident Killer Whales — kurz SRKW — sind eine isolierte Gemeinschaft von Schwertwalen, die den Bereich zwischen dem Puget Sound in Washington und den kanadischen Gewässern um Vancouver Island bewohnen. Im Juli 2025 zählte das Center for Whale Research (CWR) 74 Individuen in drei Pods: J, K und L. 1995 waren es noch 98. Die Tendenz ist bekannt.

Was diese Population wissenschaftlich besonders interessant macht, ist ihr Vokalsystem. Jeder Pod hat ein eigenes Repertoire an Lautäußerungen, sogenannte Call Types, die matrilineal weitergegeben werden. Das bedeutet: Die Rufmuster werden von Müttern und Großmüttern an Kinder und Enkel weitergegeben — im Wesentlichen kulturelle Überlieferung unter Wasser. Forscher wie John Ford vom Vancouver Aquarium haben gezeigt, dass man allein anhand dieser Muster Familienzugehörigkeiten innerhalb der Population rekonstruieren kann, ohne ein einziges Tier zu markieren oder anzufassen.

Wie hört man Orcas überhaupt zu? Das Hydrophon-Netzwerk

Das Werkzeug der Wahl ist das Hydrophon — ein wasserdichtes Mikrofon, das Unterwasserschall in elektrische Signale umwandelt. Im Salish Sea betreibt das Netzwerk OrcaSound sechs solcher Stationen: am Orcasound Lab auf San Juan Island (in Haro Strait, der Hauptwanderroute der SRKW), bei Port Townsend, am Lime Kiln State Park, bei Bush Point, Neah Bay und Sunset Bay. Das sind geographisch verteilte Aufnahmestationen, die Laufzeitunterschiede im Signal erlauben — und damit Positionsbestimmung.

Der ungewöhnlichste Teil: Das Netzwerk ist offen. Wer möchte, kann unter live.orcasound.net direkt mithören. Das ist kein Marketing-Gimmick, sondern ernsthaftes Citizen-Science-Design. Die Rohdaten kommen von echten Hydrophone, und Meldungen aus der Community — "ich höre gerade etwas" — helfen dem Team, relevante Aufnahmen zu identifizieren, bevor der Speicher überläuft.

Das erste Hydrophon am Orcasound Lab wurde übrigens 2002 installiert, etwa 30 Meter vom Ufer entfernt in 8 Metern Tiefe — und läuft seither, mit Unterbrechungen für Wartung und wütende Felsenstürme.

Was passiert donnerstags? Der Running Gag der Akustiker

Hier wird es ehrlich. Das Salish Sea ist eine der verkehrsreichsten Schifffahrtsrouten Nordamerikas. Washington State Ferries, Alaska Ferry, Containerschiffe nach Vancouver, Kreuzfahrtriesen, Freizeitboote. Und der Donnerstag ist, aus Gründen die ich nie vollständig verstanden habe, besonders lebhaft auf dem Wasser.

Das ist kein Witz: In unseren Aufnahmedaten zeigen Donnerstage eine konsistent höhere Grundlärmpegel im Frequenzbereich zwischen 1 und 4 kHz — genau dort, wo SRKW-Call-Types liegen. Was das in der Praxis bedeutet: Man hört die Fähre, nicht den Wal. Manchmal hört man beides gleichzeitig und versucht zwanzig Minuten lang, das Signal zu trennen. Manchmal gewinnt die Fähre.

NOAA-Daten bestätigen, was jeder Akustiker im Feld weiß: Wenn Schiffe präsent sind, jagen Orcas weniger und reisen mehr. Außerdem rufen sie lauter — was messbar mehr Energie kostet, Energie, die diese Tiere schlicht nicht haben, wenn der Lachsbestand kollabiert. Das Lärmproblem und das Nahrungsproblem sind nicht getrennt.

Drei Pods, drei Repertoires: J, K und L

Die drei SRKW-Pods sind biologisch eine Gemeinschaft, aber akustisch drei unterschiedliche Familien.

J-Pod ist am besten untersucht, weil er am häufigsten im Puget Sound und in den Gewässern rund um San Juan Island auftaucht. Viele der oft zitierten Forschungsergebnisse zu Rufmustern beziehen sich auf J-Pod-Tiere. Die Pod-Matriarchin J2, "Granny" genannt, wurde von manchen Forschern auf über 100 Jahre alt geschätzt — sie starb 2016, und ihr Verschwinden war auch im akustischen Datensatz spürbar.

K-Pod ist kleiner und weniger vorhersehbar. K-Pod wandert regelmäßig bis in die Gewässer vor der kalifornischen Küste — man nimmt an, den Chinook-Lachsbeständen folgend. Das bedeutet: In manchen Wochen hört man K-Pod gar nicht, egal wie gut die Hydrophone sind.

L-Pod ist der größte der drei Pods und hat einige der am stärksten mit PCBs belasteten Individuen. Polychlorierte Biphenyle — industrielle Schadstoffe, die sich seit Jahrzehnten im Sediment des Puget Sound angereichert haben — akkumulieren im Blubber von Orcas, die an der Spitze der Nahrungskette stehen. Bei L-Pod-Tieren wurden Belastungen gemessen, die das Immunsystem und die Reproduktion nachweislich beeinträchtigen.

Das Center for Whale Research und warum 1976 wichtig ist

Das wissenschaftliche Gravitationszentrum für SRKW-Forschung ist das Center for Whale Research in Friday Harbor, San Juan Island (185 S. First St., Friday Harbor, WA). Das CWR führt seit 1976 jährliche Zensus-Aufnahmen durch — das ist der längste kontinuierliche Datensatz zu einer einzelnen Orca-Population weltweit. Fast fünfzig Jahre Geburten, Todesfälle, Wanderbewegungen, Fotoidentifikationen.

Diese Langzeitperspektive ist das Wertvollste, was die SRKW-Forschung hat. Populationsbiologie funktioniert nicht auf einem Zeithorizont von drei Jahren. Wenn man heute fragt, ob ein bestimmter Jahrgang unterdurchschnittlich viele Jungtiere hat, braucht man die Daten von 1980 als Vergleich. Das CWR hat sie.

Warum der Chinook-Lachs und der Orca-Gesang zusammenhängen

Das klingt zunächst nicht intuitiv. Lachse und Gesang? Aber die Verbindung ist direkt.

Southern Resident Killer Whales fressen fast ausschließlich Chinook-Lachs (Oncorhynchus tshawytscha). Mehrere Chinook-Populationen, auf die SRKW angewiesen sind, stehen selbst auf der Roten Liste. Wenn Lachs knapp wird, verbringen die Wale mehr Zeit mit Wandern und weniger Zeit mit sozialem Verhalten — Spiel, Körperkontakt, vokaler Kommunikation. Hunger verändert den Gesang nicht direkt, aber er verändert die Häufigkeit und die Zusammenhänge, in denen Rufe auftreten.

NOAA listet den Rückgang der Chinook-Bestände als primäre Bedrohung für die SRKW-Population, gleichrangig mit Schiffslärm und chemischer Kontamination. Die drei Faktoren verstärken sich gegenseitig: Mehr Lärm bedeutet ineffizientere Jagd. Weniger Lachs bedeutet weniger Körperreserven, um PCB-Belastungen wegzupuffern. Schwächere Tiere produzieren weniger lebensfähige Jungtiere.

Was deutsche Orca-Interessierte über europäische Populationen wissen sollten

Ein Hinweis für alle, die das hier lesen und nicht vorhaben, nach Seattle zu ziehen: Die SRKW sind nicht die einzigen Orcas auf der Welt, nur die am besten untersuchten.

In Nordnorwegen — besonders rund um Tromsø und die Inseln bei Skjervøy — versammeln sich im Herbst und Winter atlantische Orcas, die Hering jagen. Diese Sichtungen sind mittlerweile vorhersehbar genug, dass seriöse Whale-Watch-Anbieter Touren dorthin anbieten. Es sind genetisch und kulturell andere Tiere als die SRKW — das nordatlantische Repertoire ist nicht das nordpazifische — aber akustisch genauso faszinierend, und die Wassertemperaturen sind für Mitteleuropäer wenigstens geographisch erreichbar.

Island bietet ebenfalls Sichtungen: Húsavík, bekannt für Buckelwale, hat in den letzten Jahren zunehmend Orca-Sichtungen gemeldet. Die Whale and Dolphin Conservation (WDC) betreibt auch einen deutschen Arm und stellt Informationen zu europäischen Cetaceen-Populationen bereit.

Für die akustische Forschung an europäischen Orcas gibt es noch keine equivalente Infrastruktur zu OrcaSound — das ist eine ehrliche Lücke.

Was akustische Forschung im Feld tatsächlich bedeutet

Ich möchte das realistisch beschreiben, weil die romantisierte Version unbrauchbar ist.

Ein typischer Arbeitstag auf dem Schiff: Hydrophon-Kalibrierung am Morgen (dauert länger als geplant, weil irgendetwas mit der Verbindung nicht stimmt). Dann sechs bis acht Stunden Aufnahme, entweder stationär in der Nähe bekannter Aufenthaltsgebiete oder der Pod-Bewegung folgend, soweit das Schiff das erlaubt. Abends Rohdaten-Sichtung, Annotation der Sequenzen, Backup. Wenn die Tiere an diesem Tag nicht im akustischen Fenster sind — was häufig vorkommt — gibt es keine Aufnahmen und man schreibt stattdessen an der Auswertung der letzten Woche.

Die Glamour-Momente existieren. Ein vollständiger Greeting-Ceremony-Call, wenn zwei Subpods sich treffen — das ist eine der ästhetisch eindrücklichsten Erfahrungen, die dieses Feld bietet. Aber man sitzt viele Stunden auf einem kleinen Boot in Haro Strait und hört Fähren zu, bevor man zehn Minuten Orca-Vokal bekommt.

Donnerstags, wie gesagt, besonders.

Was die Zahlen bedeuten und was nicht

74 Tiere klingt nach einer Zahl, mit der man arbeiten kann. Sie ist es auch — das CWR-Datensatz erlaubt detaillierte demographische Analysen. Was die Zahl nicht transportiert: Jedes dieser 74 Tiere ist individuell bekannt, hat einen Namen oder eine alphanumerische Kennung, eine Familiengeschichte, erkennbare akustische Signaturen. Wenn ein Tier verschwindet, ist es nicht eine statistische Einheit weniger. Es ist ein Repertoire weniger, das nicht mehr weitergegeben wird.

Das ist das eigentliche Argument für kulturelle Überlieferung unter Wasser als Forschungsgegenstand: Wenn eine Matriarchin stirbt, die für dreißig Jahre die einzige Trägerin bestimmter Call Types war, gehen diese Rufmuster potenziell verloren. Nicht irgendwann. In diesem Moment.


Ich forsche donnerstags trotzdem. Man gewöhnt sich an die Fähren.

Wenn Sie Fragen zur Orca-Gesang-Forschung im Salish Sea haben, zur Arbeit auf dem Wasser, zu den Daten oder zu dem, was man hört, wenn man in Haro Strait ein Hydrophon ins Wasser hängt — ich halte Ihnen am Donnerstag einen Platz frei.

Sprechen Sie mit mir auf dem Schiff — Maren