Nicht mit Die Glasglocke anfangen. Nicht mit Daddy. Ich sage dir, warum — und dann sage ich dir, womit stattdessen.

Warum fast alle beim falschen Gedicht anfangen

Das Internet schickt dich zu Daddy oder Lady Lazarus. Beide sind berühmt, beide sind echt, und beide sind der falsche erste Schritt. Daddy ist so intensiv, dass es einen erschlägt, wenn man den Kontext noch nicht hat. Man liest es, versteht, dass etwas Gewaltiges passiert — und denkt dann entweder, Plath schreibt immer so, oder man zieht sich zurück, weil es zu viel ist.

Keins von beiden ist fair ihr gegenüber.

Plath hat einen großen Tonumfang. Sie kann zärtlich sein, ironisch, präzise kalt. Sie kann über eine Schüssel Tulpen im Krankenhauszimmer schreiben und dich das eigene Herz fühlen lassen. Wenn du nur Daddy gelesen hast, kennst du ungefähr ein Drittel von ihr.

Womit du wirklich anfangen solltest: das restaurierte Ariel

Ariel in der Fassung von 1965 ist nicht das Buch, das Sylvia Plath geschrieben hat.

Ted Hughes — ihr Witwer und Nachlassverwalter — hat die Sammlung nach ihrem Tod herausgegeben. Er hat 13 Gedichte hinzugefügt, die nicht in Plaths Manuskript standen, andere entfernt und die Reihenfolge verändert. Die Sammlung, die 1965 bei Faber and Faber erschien, ist sein Schnitt, nicht ihrer.

2004 hat Plaths Tochter Frieda Hughes das korrigiert. Die Ariel: The Restored Edition (Faber and Faber, ISBN 978-0-571-22344-2) enthält 40 Gedichte in der Reihenfolge, die Plath selbst in einem Typoskript hinterlassen hatte — und das macht einen erheblichen Unterschied. Das restaurierte Buch beginnt mit Morgenlied ("Love set you going like a fat gold watch") und endet mit Wintering — nicht mit dem Bienenzyklus in der Mitte, nicht mit Words als Schluss. Der Bogen ist ein anderer. Es ist ruhiger am Ende, merkwürdiger, weniger dramatisch. Es klingt weniger nach Abschluss.

Frieda Hughes hat eine Einleitung geschrieben, die erklärt, warum sie diese Ausgabe gemacht hat und was ihr Vater verändert hatte. Ich empfehle, sie zu lesen, bevor man die Gedichte liest. Einmal, und dann nie wieder. Dann die Gedichte ohne Biografie.

Auf Deutsch gibt es Ariel in der Übersetzung von Erich Fried (Suhrkamp, erstmals 1974), einem der bedeutendsten deutschsprachigen Lyriker des 20. Jahrhunderts. Eine neuere Übertragung von Alissa Walser erschien 2008. Fried ist ein eigener Ton — er ist nicht Plath, er ist Fried-der-Plath-übersetzt. Das ist keine Schwäche. Es ist einfach anders als das Original. Wer kann, sollte beide lesen.

Die fünf Gedichte, die ich als erste empfehle

Das ist keine Rangliste. Das ist die Reihenfolge, in der ich dir Plath zeigen würde, wenn ich neben dir säße.

1. Morgenlied (Morning Song, 1961)

Ein Gedicht über die Geburt eines Kindes — und über die Distanz, die eine Mutter zu dem Neugeborenen fühlen kann. Die ersten Zeilen sind berühmt: "Love set you going like a fat gold watch." Was folgt, ist kälter und ehrlicher als fast alles, was man über die Mutterschaft zu lesen bekommt. Es ist keine Bekenntnislyrik. Es ist Beobachtung mit Seziermesser.

Dieses Gedicht macht klar, dass Plath keine Sentimentalitätsdichterin ist. Sie ist präzise. Das ist der erste Eindruck, den sie machen sollte.

2. Tulpen (Tulips, 1961)

Eine Frau liegt nach einer Operation im Krankenhaus. Ihre Angehörigen haben ihr rote Tulpen auf das Nachttischchen gestellt. Die Tulpen sind zu rot, zu lebendig, zu fordernd. Sie will still sein. Die Tulpen lassen sie nicht.

Tulpen ist das Gedicht, das mich um 3 Uhr morgens aufgehalten hat. Es gibt eine Zeile darin — "I have let things slip, a thirty-year-old cargo boat / stubbornly hanging on to my name and address" — die ich so verstanden habe, als wäre sie an mich geschrieben. Das ist das Merkzeichen eines guten Gedichts. Es redet mit dir, nicht vor dir.

3. Mond und Eibe (The Moon and the Yew Tree, 1961)

Kälter als die ersten beiden, fast geometrisch in seiner Düsternis. Der Mond ist keine romantische Figur, die Kirche am Ende des Gartens gibt keinen Trost, die Eibe ist nicht schön. Plath beschreibt das Innere eines Gemütszustands mit der Sprache der Außenwelt. Das Ergebnis ist unheimlich und präzise zugleich.

Dieses Gedicht zeigt, was Plath kann, wenn sie nicht über sich selbst, sondern über das schreibt, was sie sieht. Die Grenze zwischen Landschaft und Psyche verschwindet.

4. Lady Lazarus (1962)

Jetzt. Wenn du Morgenlied, Tulpen und Mond und Eibe gelesen hast, kannst du Lady Lazarus halten. Noch nicht vorher.

Lady Lazarus ist das Gedicht, das Plaths Ruf gemacht hat und ihn auch ein bisschen ruiniert, weil Menschen es aus dem Zusammenhang reißen und daraus eine Märtyrernarrativ bauen. Im Kontext von Ariel ist es eines unter vierzig — eines der lautesten, sicher, aber es ist nicht das einzige. Und es ist brillant. Die Refrains, die Wiederholungen, der Zirkussprache-Ton über etwas, das nicht Zirkus ist. Ich liebe es und ich bin vorsichtig mit ihm.

5. Daddy (1962)

Zuletzt. Daddy verdient volle Aufmerksamkeit und du verdienst es, nicht von ihm erwischt zu werden, bevor du weißt, wer sie ist.

Es ist ein Gedicht über Macht, Sprache, Väter und das Aufhören, unter einem Schatten zu leben. Die Nazi-Metaphern sind bewusst und von Plath selbst kommentiert worden. Sie hat gewusst, was sie tat. Als letztes Gedicht dieser fünf macht es Sinn. Als erstes ist es ein Schock ohne Kontext.

Warum Die Glasglocke warten kann

The Bell Jar erschien am 14. Januar 1963 unter dem Pseudonym Victoria Lucas bei Heinemann — Plath wollte ihren Namen schützen, weil das Buch stark autobiografisch ist und sie ihre amerikanische Familie nicht verletzen wollte. Plath starb am 11. Februar 1963, einen Monat nach der Veröffentlichung. In den USA erschien das Buch erst 1971.

Die deutsche Übersetzung von Christian Grote erschien 1968 bei Suhrkamp. 1997 folgte eine neue Übertragung von Reinhard Kaiser, die den leicht ironischen Ton des Originals nach Einschätzung von Kritikern besser trifft.

Das Buch ist gut. Es ist ein Roman über eine Nervenkrise, über das Frausein in den 1950er-Jahren, über das Scheitern unter Druck. Es ist auch ein Buch, das sehr einfach zur Biografie zu lesen verführt — weil es so offensichtlich über Plath selbst handelt, dass man anfängt, die Figur Esther Greenwood als Dokument statt als literarische Schöpfung zu lesen.

Wenn du Plath erst durch die Gedichte kennst, wenn du weißt, wie sie denkt, wie sie Sprache benutzt, was sie interessiert — dann gibt Die Glasglocke viel mehr. Du liest es als Roman, nicht als Krankenakte. Das ist der Unterschied.

Was nach Ariel kommt

The Colossus (1960), Plaths erster Gedichtband — veröffentlicht bei Heinemann in London, auf Deutsch in Auszügen über verschiedene Anthologien zugänglich — ist strenger, handwerklicher, weniger persönlich. Es ist der Band, in dem sie ihr Handwerk zeigt. Nach Ariel gelesen, wird klar, wie viel Kontrolle in der späteren Wildheit steckt. Sie hat immer gewusst, was sie tat.

Die Unabridged Journals of Sylvia Plath (2000, herausgegeben von Karen V. Kukil) sind auf Deutsch als Die Tagebücher erhältlich. Sie sind das intimste Dokument, das sie hinterlassen hat — voller Selbstzweifel, Ambition, Arbeitsdisziplin, Liebesprobleme, Lektürenotizen. Ich empfehle sie als letzten Schritt, nicht als ersten. Die Tagebücher verändern, wie man die Gedichte liest, und das ist manchmal zu viel.

Letters Home: Correspondence 1950-1963 (1975, auf Deutsch als Briefe nach Hause bei Suhrkamp) — herausgegeben von ihrer Mutter Aurelia Plath — ist ebenfalls interessant, aber mit Vorsicht zu lesen: die Mutter hat ausgewählt, was sie veröffentlicht hat, und das Bild, das entsteht, ist entsprechend gefärbt.

Für deutschsprachige Leser: wo kaufen

Plath ist in deutschen Buchhandlungen gut erreichbar. In Berlin findet man sie bei Dussmann das KulturKaufhaus, das regelmäßig sowohl die englischen Originalausgaben als auch die Suhrkamp-Übersetzungen führt. In Wien empfehle ich Hartleben. In Zürich Orell Füssli am Bellevue.

Wer das englische Original lesen kann, sollte das tun — Lyrik verliert immer etwas in der Übersetzung, auch in der besten. Aber Erich Frieds Ariel ist eine Ausnahme unter den Übersetzungen: Fried schreibt selbst so gut, dass sein Plath ein eigenes Buch ist, das parallel zum Original steht.

Eine letzte Sache

Plath starb am 11. Februar 1963, sie war dreißig Jahre alt. Sie hatte zwei Kinder. Sie hatte in diesem letzten Winter mehr Gedichte geschrieben als in den Jahren davor — das meiste von Ariel entstand zwischen Oktober 1962 und Februar 1963, manchmal ein Gedicht pro Tag, manchmal zwei. Die Forschung geht davon aus, dass die meisten Ariel-Gedichte in dieser kurzen Periode entstanden sind, bevor sie starb. Das ist keine romantische Tatsache. Es ist einfach wahr.

Sie hat gewusst, was sie schrieb. Sie hat gewusst, dass es gut war. Dass sie es nicht mehr sehen konnte — dass Ariel erst 1965 erschien und The Collected Poems ihr posthumen Pulitzer-Preis für Lyrik 1982 brachte — das ist das Traurige. Nicht die Gedichte selbst. Die Gedichte sind nicht traurig. Sie sind lebendig.


Wenn du mit Tulpen anfängst und um Mitternacht noch liest, weißt du, dass ich recht hatte.

Ich schließe um sechs. Warte auf mich.